Provisorische Beta-Fassung.
Vereinfachte PyMC-Adaption des zweitstimme.org-Modells. Schwankt stark, Konfidenzintervalle sind noch nicht gegen historische BTW-Wahlen validiert. Schwerpunkt der Plattform sind der aktuelle Trend und der Wahlkreisrechner.
Bundestagswahl · Bayes-Forecast in Anlehnung an zweitstimme.orgBETA
Bundestagswahl 2029: probabilistischer Zweitstimmen-Forecast
Vereinfachte Bayes-Adaption des zweitstimme.org-Modells (Stoetzer et al. 2019; Erfort et al. 2025). PyMC-NUTS-Sampler läuft lokal auf der Workstation und schreibt das Resultat als JSON ins Repo; die Seite hier serviert nur die fertige Verteilung. Stand der Polls: 16. Mai 2026 (296 Umfragen, 11 Institute, Datenstand 16. Mai 2026).
Wahltermin im Modell: 30. September 2029 — 1233 Tage von heute. Posterior-Samples: 4.000 aus 4 Ketten (R-hat max ≈ 1.000, ESS min ≈ 1591).
Punktschätzungen mit Konfidenzbändern
Jeder Strich zeigt nicht eine Zahl, sondern eine ganze Verteilung möglicher Wahlausgänge. Die kurze, dicke Fläche markiert den Bereich, in den das Modell mit 83 %iger Wahrscheinlichkeit den endgültigen Wert legt (das „5/6"-Band aus dem zweitstimme.org-Paper); die dünne Außenlinie ist das 95 %-Intervall. Bei einem Horizont von 1233 Tagen sind die Bänder bewusst breit — viele politische Ereignisse können in der Zwischenzeit noch eintreten.
Punkt: Posterior-Mittel. Dicker Balken: 83 %-Credible-Interval (entspricht dem „5/6-Band" bei zweitstimme.org). Dünne Linie: 95 %-Band. Werte unter den Labels: Mittel sowie 83 %-Intervall.
5 %-Hürden-Wahrscheinlichkeiten
Welche Partei schafft den Einzug in den Bundestag? Aus den 4.000 simulierten Wahlausgängen ergibt sich pro Partei der Anteil der Simulationen mit Ergebnis ≥ 5 %. Der Sonderfall „drei Direktmandate" (Linke 2025) ist hier explizit nicht modelliert — diese Seite betrachtet ausschließlich die Zweitstimme.
| Partei | P(≥ 5 %) | Forecast |
|---|---|---|
| CDU/CSU | ≈ 100 % | 26,5 % [14,7–40,4] |
| AfD | ≈ 100 % | 23,7 % [13,0–36,4] |
| SPD | 99 % | 15,4 % [7,9–24,8] |
| Grüne | 97 % | 12,2 % [6,1–20,1] |
| Linke | 91 % | 10,2 % [5,0–16,6] |
| FDP | 18 % | 3,6 % [1,7–6,2] |
| BSW | 14 % | 3,4 % [1,6–5,8] |
Mehrheitswahrscheinlichkeiten ausgewählter Koalitionen
Wahrscheinlichkeit, dass die Koalition über die Hälfte der Sitze stellt, die unter den Parteien mit ≥ 5 % verteilt werden. Die Berechnung folgt der Auswertung im zweitstimme.org-Paper, lässt aber den Drei-Direktmandate-Bonus sowie Überhangmandate (in der Reform 2023 ohnehin abgeschafft) unberücksichtigt.
- CDU/CSU + SPD + Grüne77 %
- CDU/CSU + AfD65 %
- CDU/CSU + SPD33 %
- CDU/CSU + Grüne21 %
- SPD + Grüne + Linke15 %
- CDU/CSU + Grüne + FDP5 %
- SPD + Grüne + Linke + BSW4 %
Wie kommt das Ergebnis zustande?
Modellarchitektur
Das Original-Zweitstimme-Modell (Stoetzer et al. 2019) ist ein dynamisches Bayes-Modell für Mehrparteiensysteme. Es besteht aus zwei verschränkten Komponenten, die per Markov-Chain-Monte-Carlo gemeinsam geschätzt werden:
- Fundamentals-Komponente (Dirichlet-Regression auf alle Nachkriegs-Bundestagswahlen): Vorhersage der Zweitstimmen aus drei Kovariaten — Vorwahl-Ergebnis, durchschnittliche Sonntagsfrage 230–200 Tage vor dem Wahltermin, und ein Inkumbenten-Dummy für die Kanzlerpartei.
- Poll-Komponente: Polls werden als Multinomial- Beobachtungen modelliert, mit Institutseffekten pro Institut und einem Random-Walk über die Zeit, der den latenten Stimmungszustand schätzt. Auf dem Wahltag wirken die Fundamentals als Prior auf den latenten Zustand.
Aus dem gemeinsamen Posterior werden 10.000 Wahlausgänge simuliert. Aus dieser Verteilung folgen Punktprognose, Credible Intervals, 5%-Hürden-Wahrscheinlichkeiten und (über das nachgelagerte Wahlkreismodell von Neunhoeffer et al. 2020) Koalitionsmehrheits- und Direktmandats-Verteilungen.
Unsere Adaption — was hier konkret gerechnet wird
Die Implementierung in prototype/zweitstimme_forecast/ ist eine bewusst vereinfachte Bayes-Adaption mit denselben methodischen Prinzipien, aber kleinerem Skalenraum, damit sie transparent reproduzierbar bleibt. Sie läuft lokal auf der Workstation mit PyMC-NUTS und schreibt das Resultat als JSON ins Repo.
Schritt 1: Latenter Aktuell-Zustand η₀
Für jede Umfrage wird der berichtete Vektor der Parteianteile in den additiv-logistischen Raum transformiert (Referenz = SONSTIGE). In diesem Raum sind die Sum-to-100-Restriktion und die negative Korrelation zwischen Parteien automatisch erfüllt. Das Modell schätzt einen latenten Vektor η₀ — die heutige Stimmungslage — als Bayes-Aggregat aller Umfragen mit:
- Institutseffekt (engl. Pollster-House-Effect): pro Institut ein zentrierter Random-Intercept-Vektor mit gemeinsamer Skala σ_house ~ HalfNormal(0.15). Die Soft-Constraint
mean(h) = 0stellt sicher, dass die Institutseffekte relative Abweichungen zwischen Instituten messen. - Stichprobengrößen-Aufschlag auf die Beobachtungsvarianz: σ_obs ∝ √(1000/n).
- Institutsspezifisches Varianzgewicht: modellinterne Multiplikatoren aus prototypischen Punkte-Skalen (Infratest dimap, Forsa, FGW = 1.0; INSA, YouGov ≈ 1.2; ohne eigenes Modellgewicht ≈ 1.4). Es handelt sich um ein internes Gewichtungsmerkmal, kein Qualitätsurteil über ein Institut.
- Recency: ältere Umfragen sagen weniger über die heutige Lage. Die Beobachtungsvarianz wird um 1/√Recency aufgebläht, wobei Recency exponentiell mit Halbwertszeit 180 Tagen abklingt.
Das Posterior von η₀ und der Institutseffekte wird per NUTS mit 4 Ketten und je 1000 Tuning- + 1000 Draws gesampelt (Seed 42). Diagnostik in diesem Lauf: R-hat max ≈ 1.000, effektive Sample-Größe ≥ 1591 — beides im sicheren Bereich.
Schritt 2: Vorwärtsprojektion auf den Wahltag
η_T = (1 − α) · (η₀ + Drift) + α · η_fund. Die Drift ist ein mehrdimensionaler Normalvektor mit Standardabweichung σ_walk · √T; σ_walk = 0.018 pro Tag in η-Raum entspricht Stoetzer 2019: über einen Monat akkumulieren sich ca. 0.10 in η-Einheiten, was nach Rücktransformation in den Bereich der dort berichteten RMSE-Werte (1.8 pp im letzten Monat, 2.9 pp 32 Tage vor der Wahl) fällt.
Fundamentals-Shrinkage: der Anker η_fund ist das endgültige amtliche BTW-2025-Ergebnis im selben η-Raum. Die Shrinkage-Stärke α = exp(−τ/T), mit τ = 1500 Tagen, ist horizontabhängig:
- Nahe Wahlen (T ≪ τ): α ≈ 0 — reiner Poll-Forecast.
- T ≈ τ: α ≈ 37 %, moderater Pull Richtung Vorwahl.
- Ferne Wahlen (T ≫ τ): α → 1 — Anker dominiert, weil über 4+ Jahre wenig aus den heutigen Polls über den Wahltag bekannt ist.
Bei einem Horizont von 1233 Tagen ist konkret α ≈ 29.6 % — d. h. das Modell kombiniert 70 % Poll-Forecast mit 30 % Anker auf der BTW 2025.
Schritt 3: Auswertung
Jede der 4.000 η_T-Samples wird per Softmax (mit Referenzkomponente 0) auf den Simplex zurücktransformiert und liefert eine vollständige Verteilung θ_T ∈ Δ^K in Prozent. Daraus:
- Punktschätzungen: Posterior-Mittel und Median.
- 83 % und 95 % Credible Intervals: empirische Quantile (8.5 %/91.5 % und 2.5 %/97.5 %).
- 5 %-Hürdenwahrscheinlichkeit: Anteil der Samples mit θ_p ≥ 5.
- Koalitionsmehrheiten: pro Sample werden zuerst Parteien unter 5 % aussortiert, dann die Sitzanteile unter den verbleibenden proportional zugewiesen. Eine Koalition hat Mehrheit, wenn ihre Mitglieder zusammen mehr als die Hälfte dieser proportionalen Sitze halten.
Bewusste Vereinfachungen gegenüber dem vollen Stoetzer-Modell
- Statt einer Dirichlet-Regression auf alle Nachkriegs-BTWs nutzen wir das BTW-2025-Ergebnis direkt als Anker. Das ist methodisch schwächer; insbesondere fehlen Inkumbenten-Dummy und Strukturkovariaten.
- Wir schätzen einen einzelnen η₀ statt einen vollen täglichen latenten Pfad. Die zeitliche Information aus den Umfragen geht über die Recency-Gewichtung ein, nicht über einen State-Space-Kalman.
- Wir modellieren keine Wahlkreis-Direktmandate. Das fehlende Kandidatenmodell heißt insbesondere: kein Drei-Direktmandate- Sonderfall und keine Vorhersage „vakanter Wahlkreise" nach der Wahlrechtsreform 2023.
- σ_walk ist ein fester Hyperparameter, kein identifizierter Modellparameter. Die Kalibrierung folgt aus Stoetzer 2019; eine echte Posterior-Schätzung wäre nur über den vollen State-Space-Ansatz möglich.
Reproduzierbarkeit
Code: prototype/zweitstimme_forecast/. Aufruf:
python -m prototype.zweitstimme_forecast.run --election-date 2029-09-30
Modell-ID: zweitstimme-bayes-simplified v0.1. Hyperparameter: σ_walk=0.018/Tag, τ=1500 Tage, Recency-HL=180 Tage, σ_house-Prior= HalfNormal(0.15), NUTS target_accept=0.95.
Diagnostik: Institutseffekte
Norm des Posterior-Mittels des Institutseffekt-Vektors je Institut, in η-Raum. Werte nahe 0 bedeuten „im Schnitt wie der Rest des Marktes", größere Werte deuten auf systematische Abweichung. Da die Soft- Constraint mean(h) = 0 gilt, sind dies relative Abweichungen zum Branchenmittel — keine Aussage über „die Wahrheit".
| Institut | ‖h‖ (η-Raum) |
|---|---|
| Forschungsgruppe Wahlen | 2.34 |
| pollytix | 1.13 |
| Institut Wahlkreisprognose | 0.94 |
| Allensbach | 0.93 |
| Forsa | 0.82 |
| Ipsos | 0.78 |
| YouGov | 0.59 |
| INSA | 0.55 |
| Infratest dimap | 0.36 |
| GMS | 0.19 |
| Verian (Emnid) | 0.17 |
Quellen
- Stoetzer, Munzert, Gschwend, Neunhoeffer, Sternberg, Walter (2019). Forecasting Elections in Multiparty Systems: A Bayesian Approach Combining Polls and Fundamentals. Political Analysis 27(2). Replication.
- Erfort, Stoetzer, Gschwend, Koch, Munzert, Rajski (2026). The Zweitstimme Forecast for the German Federal Election 2025: Coalition Majorities and Vacant Districts. PS: Political Science & Politics, January 2026 (Symposium). DOI.
- Originalmodell der Zweitstimme.org-Gruppe (R + Stan).
- Umfragedaten: öffentlich publizierte Sonntagsfrage-Ergebnisse der deutschen Umfrageinstitute.